Kapitalexport und Kapitalflucht aus China

Relevanz für Compliance-Officer und Geldwäschebeauftragte deutscher Institute

Von Matthias Rode, Jennifer Rabener, Carina Schindler und Jessica Krenn

Beitrag als PDF (Download)

Sorgfaltspflichten am Beispiel von Konten chinesischer Kunden
Im Umfeld von immer strenger werdenden Know-Your-Customer-Anforderungen (KYC-Anforderungen) stehen Banken vor der Herausforderung der korrekten und vollumfänglichen Identifizierung von Kunden und Business Partnern. Kommen dann zusätzlich zu den komplexen und umfangreichen regulatorischen Anforderungen weitere Hürden bei der Kontaktaufnahme, Informationsbeschaffung oder Dokumentation hinzu, beispielsweise im Fall von Kunden aus dem Ausland, werden die Prozesse zur Informationsbeschaffung und Validierung der Korrektheit der Informationen zunehmend komplexer. Ein mögliches Beispiel für eine solche Fallkonstellation ist die Identifikation von chinesischen Geschäftskunden sowie deren zugehörigen Geschäftsführern und verbundenen Personen (zum Beispiel wirtschaftlich ­Berechtigten oder Vertretungsbefugten) bei einer Kontoeröffnung. Für diese Kundengruppe können im Rahmen des Kontoeröffnungsprozesses und der damit verbundenen KYC-Anforderungen folgende Herausforderungen auf die kontoeröffnende Bank zukommen:
Um aus China heraus in den deutschen oder europäischen Markt zu expandieren, gründen chinesische Firmen zum Beispiel eine GmbH in Deutschland. Für die Gründung und Eintragung dieser Gesellschaft wird unter anderem ein Geschäftskonto benötigt, und es muss das erforderliche Stammkapital – im Fall einer GmbH-Gründung 25.000 Euro – bereitgestellt werden. Zur Eröffnung eines Geschäftskontos ist die Identität der beteiligten juristischen und natürlichen Personen durch die kontoeröffnende Bank zu erfassen und zu prüfen. Neben der sprachlichen Barriere, welche zur Vertretung des eigentlichen Kunden durch einen notariell Beauftragten führen kann und so den direkten Kundenkontakt bereits erschwert, spielen auch die aufwändige Informationsbeschaffung angesichts komplexer Vermögens- und Unternehmensstrukturen sowie die Überprüfung der Mittelherkunft eine zentrale Rolle. Bei der persönlichen Legitimation der Geschäftsführer und Verfügungsberechtigten und der Einholung aller zur Kontoeröffnung notwendigen Dokumente stellen die persönliche Verfügbarkeit der zu identifizierenden Personen, die Dokumente in fremder Sprache und die Beschaffung und Bewertung benötigter Registerauszüge eine besondere Herausforderung dar und erfordern vertiefte Kenntnisse bei den verantwortlichen KYC-Analysten.
Der Umgang mit diesen Herausforderungen hat maßgeblich Einfluss auf die Risikoexposition der kontoeröffnenden Bank.
Doch wie groß ist die Bedeutung dieses Themas für deutsche Institute, und mit welchen Maßnahmen können Banken diesen komplexen Strukturen und Anforderungen begegnen?

Die bekannten Fakten
Keine andere große Volkswirtschaft der Welt ist in den vergangenen Jahren so schnell gewachsen wie China. Seit Chinas wirtschaftlicher Öffnung ist das Land zu einem der weltweit wichtigsten Handelspartner geworden. Die steigende global-wirtschaftliche Verflechtung mit China führte vor allem in den vergangenen Jahren dazu, dass die Märkte zunehmend sensibler auf negative Wirtschaftsprognosen aus China reagieren. In den vergangenen Monaten dominierte vor allem ein Thema die Wirtschaftsnachrichten weltweit: der anhaltende und sich immer weiter zuspitzende Handelsstreit zwischen den USA und China. Dieser hat nicht nur Folgen für Chinas Wirtschaftswachstum und die internationalen Handelsbeziehungen beider Länder, sondern könnte nicht zuletzt auch zu einer neuen Welle der Kapitalflucht führen. Seit Beginn des Handelsstreits hat sich nicht nur Chinas Wirtschaftswachstum bereits spürbar verlangsamt, sondern auch die Kapitalabflüsse haben wieder deutlich zugenommen.
Bereits in den Jahren 2015/16 führten der Wertverfall des Yuan und eine in China implementierte Antikorruptions-Kampagne zu einer Kapitalfluchtwelle aus China. Die Nettokapitalabflüsse erreichten in diesen Jahren Rekordhöhen: 2015 haben 675 Milliarden US-Dollar (knapp 590 Milliarden Euro) und 2016 sogar 725 Milliarden US-Dollar (knapp 630 Milliarden Euro) das Land verlassen. Finanzmittel sind dabei größtenteils in Immobilien und Luxusgüter geflossen, unter anderem in die USA, Kanada und Australien. Um die Kapitalflucht einzudämmen, hat die regierende Volkspartei seitdem strenge Kapitalkontrollen und Beschränkungen für Auslandsinvestitionen implementiert, wodurch Kapitalabflüsse und „irrationale” Investitionen außerhalb Chinas (vor allem Käufe von Immobilien, Aktien und Versicherungen) gezügelt werden sollten. Doch es gibt Anzeichen dafür, dass die umgesetzten Maßnahmen die Fortführung der Kapitalflucht nicht zu verhindern vermögen. Eine solche Welle kann signifikante Folgen auch für Deutschland haben, zumal der Immobilienmarkt hierzulande besonders attraktiv für ausländische Investoren ist.

Relevanz für Deutschland und deutsche Banken
Seit der ersten Kapitalfluchtwelle im Jahr 2015 verliert eine steigende Zahl der Vermögenden aus der chinesischen Mittel- und Oberschicht zunehmend das Vertrauen in die wirtschaftliche Entwicklung ihres Landes. Durch den anhaltenden Handelskonflikt mit den USA spitzt sich die Lage aktuell noch weiter zu. Vor dem Hintergrund eines erwarteten weiteren Wertverlusts des Yuan sind viele chinesische Investoren auf der Suche nach sicheren Investitionsmöglichkeiten im Ausland. Hinzu kommt, dass in vielen Großstädten Chinas die Preise signifikant ansteigen und Familien nur eine einzige Immobilie zur Selbstnutzung erwerben dürfen – die logische Folge ist, dass sich Anleger nach Alternativen umsehen. Aktuell zählen mehr als 100 Millionen Chinesen zur Mittelschicht, laut einer Studie sollen dieser im Jahr 2022 jedoch bereits 76 Prozent der chinesischen Stadtbevölkerung angehören – das wären mehr als 550 Millionen Menschen, die sich potentiell in naher Zukunft nach solchen Alternativen umsehen werden. Neben den USA, Kanada und Australien ist auch Deutschland in den Fokus chinesischer Anleger gerückt. In den vergangenen Jahren sind deutsche Wohnimmobilien zum begehrten Anlageobjekt geworden, unter den internationalen Immobilienkäufern befinden sich neben US-Amerikanern vor allem wohlhabende Chinesen. Deutschland ist derzeit sogar das beliebteste Immobilienanlageziel für chinesische Investoren in Europa, die Zahl der an Chinesen verkauften Wohnungen soll sich beispielsweise in Frankfurt am Main von 2015 auf 2016 bereits verdoppelt haben.
Trotz strenger nationaler Kapitalkontrollen scheinen die Geldflüsse aus China zuzunehmen. Grund dafür ist auch der Umstand, dass willige Investoren oft einem halblegalen oder illegalen Weg folgen, ihr Geld an den staatlichen Kontrollen vorbeizuschleusen – beispielsweise durch Smurfing (hierbei wird die Überweisung eines hohen Geldbetrags durch Stückelung in mehrere kleine Transaktionen verschleiert), „Geldwechsler”, Untergrundbanken oder durch das Verstecken von privaten Geldern in legitimen geschäftlichen Transaktionen. Dabei sind die Immobilienmärkte dieser Welt zwar ein beliebtes Ziel, jedoch fließt ein Großteil des täglichen Transaktionsvolumens zunächst durch Finanzinstitute, bevor das Geld schlussendlich investiert wird. Aus dieser Vorgehensweise ergeben sich verstärkte Risiken für deutsche Finanzinstitute, denn diese müssen ihren Know-Your-Customer- und Enhanced-Due-Diligence-Pflichten nachkommen.

Konsequenzen aus Compliancesicht
Die Annahme chinesischer Kunden birgt Herausforderungen, häufig sind die folgenden Punkte dabei besonders zu beachten:

Vermögensstrukturen: Vor allem wohlhabende Chinesen haben oft komplizierte Vermögensstrukturen mit Investitionen in zahlreichen Ländern und Finanzinstituten. Hinzu kommt, dass die Geldbewegungen nicht immer nachvollziehbar sind – vor allem die Frage, wie das Geld China verlassen hat, bleibt häufig unbeantwortet. Auch bezüglich der ursprünglichen Herkunft des Vermögens sind Kunden nicht immer auskunftsfreudig, oft liegen lediglich Begründungen wie „Familienerbe“ oder „selbst erwirtschaftetes Vermögen“ vor.

Mangelhafte Dokumentation: Die Legitimation und KYC-Dokumentation ist bei chinesischen Kunden oft mit Mängeln behaftet. So werden zum Beispiel die vorgelegten Legitimationspapiere nicht vollständig erfasst oder eventuell zu leistende Unterschriften lediglich durch einen Notar in Vertretung geleistet. Zudem wird für Firmenkunden in China eine Vielzahl unterschiedlicher Handelsregister geführt. Für ausländische Finanzinstitute, die mit diesen Registern nicht zwangsläufig vertraut sind, ist nicht ohne weiteres ersichtlich, wo und wie notwendige Informationen abgerufen werden können. Zudem wird die Mehrheit der Handelsregister in chinesischer Sprache geführt.

  • Eingeschränkter Zugriff: China ist bekanntermaßen restriktiv, was die Herausgabe von sensiblen privaten Daten und Dokumenten betrifft. Der Zugriff auf chinesische Namens- oder auch Handelsregister für Firmenkunden ist aus Deutschland teils nicht oder nur sehr eingeschränkt möglich, bestimmte Informationen sind nicht öffentlich zugänglich. Auch öffentliche Recherchen zu natürlichen Personen werden durch den eingeschränkten Zugriff auf chinesische Webseiten beeinträchtigt.
  • PePs: Verbindungen zu politisch exponierten Personen oder anderweitig einflussreichen Persönlichkeiten Chinas sind häufig nur schwer nachzuweisen und werden bei der Kundenannahme gern vom Kunden verschwiegen. Für deutsche Finanzinstitute ist es oftmals schwierig, den politischen Einfluss jener Personen sowie das damit verbundene Risiko für die Bank nachzuvollziehen und einzuschätzen.
  • Name Screening: Die Überprüfung chinesischer Namen resultiert erfahrungsgemäß in einer höheren Anzahl an False Positives, was eine tiefergehende und zeitaufwendige Prüfung nach sich zieht – mit teils erheblichen Auswirkungen auf die Kosten der Enhanced-Due-Diligence-Prozesse.
  • Kommunikation: Bei Kunden, die ihren Wohnsitz in ihrem Heimatland haben oder weder Englisch noch Deutsch sprechen, kann es zu Schwierigkeiten in der Kommunikation kommen, was wiederum zu Problemen bei der Pflege der Datenqualität führt.

Lösungswege
Die Herausforderung aus den geschilderten Sachverhalten für die betroffenen Institute besteht darin, ihr Risikomanagement auf die spezifischen Anforderungen chinesischer Investoren auszurichten. Dies erfordert eine vertiefte Kenntnis, welche ausländischen Ausweispapiere als geeignete Dokumente im Sinne des § 12 Abs. 1 Nr. 1 GwG in Frage kommen, wie Abfragen bei chinesischen Registern durchzuführen sind, wie deren Gleichwertigkeit in Bezug auf deutsche Register zu beurteilen ist, welche Maßnahmen zur Bestimmung der Herkunft von Vermögenswerten angemessen sind und welche Geldwäschetypologien im Zusammenhang mit Kapitalexporten aus China vorliegen. Auch eine Kenntnis der chinesischen Sprache beziehungsweise ihrer Dialekte kann im Einzelfall erforderlich werden.

mattrode@deloitte.de

jrabener@deloitte.de

cschindler@deloitte.de

jkrenn@deloitte.de